Wirtschaftswachstum und Klimakrise

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von Lisa Stein­wan­del

Können wir die Klimakrise lösen und gleichzeitig weiterhin auf kapitalistisches Wirtschaftswachstum setzen?

Für einen Uni-Kurs zu „Eco­nom­ic Growth“ habe ich eine Hausar­beit geschrieben, in der ich das Par­a­dig­ma des ewigen Wirtschaftswach­s­tums auf den Prüf­s­tand stelle – kön­nen wir damit die Erder­hitzung auf 1,5°C begren­zen? Die Erken­nt­nisse sind für mich sehr auf­schlussre­ich und mein­er Mei­n­ung sehr wichtig, da die Kli­makrise die größte Her­aus­forderung ist, der die Men­schheit auf lange Sicht gegenüber­ste­ht – beziehungsweise die über das Über­leben der Men­schheit entschei­den kann. Deshalb teile ich hier meine wichtig­sten Schlüsse mit euch.

Seit Beginn von Kolo­nial­isierung und Indus­tri­al­isierung hat sich die Weltwirtschaft unglaublich ras­ant entwick­elt. Diese Entwick­lung und dieser Wohl­stand weltweit – vor allem im Glob­alen Nor­den – wur­den stark durch den Abbau und die Nutzung natür­lich­er Ressourcen vor­angetrieben. Dazu zählen vor­rang­ing die Nutzung von fos­silen Brennstof­fen, die zuvor für Mil­lio­nen von Jahren unter der Erde gespe­ichert waren, als auch die Aus­beu­tung von Arbeiter*innen in Län­dern des Glob­alen Südens. Die Ver­bren­nung fos­siler Brennstoffe macht fast 90% der glob­alen CO2-Emis­sio­nen aus. Diese Entwick­lung hält bis heute an – und jet­zt erre­ichen oder über­schre­it­en wir auf gefährliche Weise ökol­o­gis­che Gren­zen.

Eine der gefährlich­sten Fol­gen ist die Kli­makrise, der wir nun gegenüber­ste­hen – und die auch bere­its seit Jahrzehn­ten bekan­nt ist. Ab jet­zt hän­gen Tem­per­a­turen­twick­lun­gen davon ab, inwiefern es uns gelin­gen wird, Treib­haus­gase­mis­sio­nen (THG-Emis­sio­nen) zu reduzieren. Und das wiederum ist abhängig von den Entwick­lun­gen der Welt­bevölkerung, von glob­alem Kon­sum- und Pro­duk­tionsver­hal­ten, von der Nutzung fos­siler Ressourcen, von poli­tis­chen Entschei­dun­gen und von der Ver­füg­barkeit von Tech­nolo­gien. Wenn keine poli­tis­chen Maß­nah­men ergrif­f­en wer­den, wird die glob­ale Erhitzung im Jahr 2100 mehr als 4°C über dem vor-indus­triellen Niveau erre­ichen. Laut des IPCC (Inter­gov­ern­men­tal Pan­el on Cli­mate Change), des Weltk­li­marats, dür­fen wir einen glob­alen Tem­per­at­u­ranstieg von 1.5°C oder max­i­mal 2°C auf keinen Fall über­schre­it­en, um das Weltk­li­ma in einem lebenswerten Bere­ich für Men­schheit und Ökosys­teme zu hal­ten. Um das zu erre­ichen, müssen glob­ale THG-Emis­sio­nen im Ver­gle­ich zu 2010 bis 2030 um 40 bis 50% gesenkt wer­den. Aller­spätestens im Jahr 2050 müssen wir glob­al Net­tonull-Emis­sio­nen erre­ichen. Logis­cher­weise gilt: je schneller und radikaler die Emis­sion­ssenkun­gen erre­icht wer­den, desto bess­er.

Tem­per­atur­prog­nosen bis 2100. Quelle: Glob­al Action Track­er (2018)

Das Konzept vom Grünen Wachstum

Konzepte von Grünem Wach­s­tum oder ein­er Grü­nen Wirtschaft sind die dom­i­nante Antwort auf die Kli­makrise und den ökol­o­gis­chen Zusam­men­bruch. Viele Län­der, auch die EU und die UNO, haben Grünes Wach­s­tum als explizites poli­tis­ches Ziel über­nom­men. Grünes Wach­s­tum ist so definiert, dass ein wach­sendes BIP (Brut­toin­land­spro­dukt) auf eine Weise erre­icht wer­den soll, die so ressourcenef­fizient ist, dass Umweltschutz garantiert wer­den kann – und das Ganze auf Basis neok­las­sis­ch­er Wirtschaft­s­the­o­rie. Wirtschaftswach­s­tum soll also weit­er­hin max­imiert wer­den, während die Auswirkun­gen auf die Umwelt min­imiert wer­den; also Umweltschutz, der nicht auf Kosten von (finanziellem und materiellem) Wohl­stand geht. Um dieses Ziel zu erre­ichen, basiert das ganze Grünes-Wach­s­tum-Konzept auf der Annahme, dass Umwelt­be­las­tun­gen vom BIP entkop­pelt wer­den kön­nen. Entkop­plung meint hier, dass der Zusam­men­hang von Wirtschaftswach­s­tum und damit ein­herge­hen­der schädlich­er Umwelt- und Kli­maauswirkun­gen durch­brochen wer­den kann. Wenn also eine absolute Entkop­plung erre­icht wird, dann ist die Effizienz so hoch, dass Mate­ri­alver­brauch und Umweltauswirkun­gen stärk­er reduziert wer­den, als sie durch das Wirtschaftswach­s­tum zunehmen. Die Umwelt­be­las­tung nimmt also ab, ohne dass die wirtschaftlichen Aktiv­itäten entsprechend zurück­ge­hen.

Die Grund­lage um diese Rohstof­f­ef­fizienz zu erre­ichen ist das Erset­zen nicht erneuer­bar­er Mate­ri­alien und rohstof­fab­hängiger indus­trieller Prozesse durch “grüne” Lösun­gen, sodass Energie erneuer­bar erzeugt wird. Das soll wiederum THG-Emis­sio­nen reduzieren und die Wirtschaft von ihrer Abhängigkeit von fos­silen Brennstof­fen weg­be­we­gen. In ein­er grü­nen Wirtschaft soll das Wach­s­tum zu einem großen Teil durch eine Ver­lagerung von der Pro­duk­tion hin zu Dien­stleis­tun­gen und Infor­ma­tion­stech­nolo­gien angetrieben wer­den. Außer­dem beruht das Konzept auf ein­er emis­sion­sar­men Energieerzeu­gung, neuen Pro­duk­tion­stech­nolo­gien, alter­na­tiv­en Mate­ri­alien und besseren Recy­clingsys­te­men. Auch das Prinzip der Kreis­laufwirtschaft soll ver­stärkt wer­den, sodass Mate­ri­alien zirkulieren und wiederver­wen­det wer­den kön­nen, wodurch dann weniger Mate­r­i­al ver­braucht wird.

Ins­ge­samt ist die Grun­dan­nahme weit­er­hin dieselbe wie auch für neok­las­sis­che Wirtschaftsmod­elle, näm­lich dass Wohl­stand am BIP und Kon­sum gemessen wird. Alle aktuellen wis­senschaftlichen Kli­maszenar­ien des IPCC (Weltk­li­marat) beruhen auf dem ökonomis­chen Wach­s­tum­sp­fad und auf neok­las­sis­chen Mod­ellen, da alle zugrunde liegen­den sozioökonomis­chen Mod­elle von einem kon­tinuier­lichen Wach­s­tum aus­ge­hen.

Funktioniert Entkopplung?

Das Konzept vom Grü­nen Wach­s­tum mag vielver­sprechend klin­gen, aber um wirk­lich zu wis­sen, ob es funk­tion­iert, ist die wichtig­ste zu beant­wor­tende Frage: Ist eine absolute Entkop­plung in der Prax­is über­haupt möglich, und wenn ja, kann all dies schnell genug erre­icht wer­den?

Der Ver­brauch an Ressourcen ist in den let­zten Jahren und Jahrzehn­ten glob­al angestiegen, auch wenn sich die Effizienz (also Mate­ri­alver­brauch pro Ein­heit von Out­put) verbessert hat. Glob­al gese­hen hat zwar der Ver­brauch von Ressourcen pro Ein­heit des BIP abgenom­men, aber während­dessen ist die gesamte Rohstoffnutzung weit­er­hin gestiegen, was die Effizienz über­wiegt. Die Verbesserun­gen in der Pro­duk­tiv­ität sind viel zu langsam, um die notwendi­ge absolute Entkop­plung zu erre­ichen und ökol­o­gis­che Belas­tun­gen zu reduzieren. Die Wirtschaft­skrise von 2008/2009 war der einzige Zeit­punkt, zu dem der glob­ale Rohstof­fver­brauch sig­nifikant zurück­ge­gan­gen ist. Nicht ein­mal eine rel­a­tive Entkop­plung, also ein schwächer­er Zusam­men­hang zwis­chen den gekop­pel­ten Vari­ablen BIP und Umweltzer­störung, ist anhal­tend. Es ist dem­nach wohl kaum über­raschend, dass es aktuell keine Studie zu glob­alen Zukun­ftsszenar­ien gibt, die eine absolute Entkop­plung des Ressourcenver­brauchs auf lange Sicht bestätigt.

Verbessertes Recy­cling hat den Mate­ri­alver­brauch immer­hin schon wesentlich verbessert und hat auch das Poten­tial, den Rohstof­fver­brauch weit­er­hin effizien­ter zu machen wenn Tech­nolo­gien und Prozesse weit­er­en­twick­elt wer­den. Allerd­ings benöti­gen auch die Prozesse selb­st Mate­r­i­al- und Energiein­put und nur ein begren­zter Anteil an Rohstof­fen kann auch wirk­lich zirkuliert wer­den. Wenn die Wirtschaft weit­er­hin wächst, wird sie auch mit verbesserten Kreis­lauf­sys­te­men früher oder später an ihre physikalis­chen Gren­zen kom­men – Kreis­lauf­prozesse kön­nen die Erschöp­fung der Ressourcen höch­stens hin­auszögern. Außer­dem darf Effizienz niemals mit der Gesamt­masse ver­wech­selt wer­den. Auch wenn die Effizienz der Ressourcennutzung stark gesteigert wer­den kann, kön­nten wir am Ende mehr ver­brauchen und damit die Umweltauswirkun­gen der Wirtschaft selb­st nicht begren­zen — dies impliziert das Wach­s­tum.

Glob­al gese­hen gab es in den let­zten Jahrzehn­ten eine rel­a­tive Entkop­plung des BIP von THG-Emis­sio­nen mit unge­fähr 1% gerin­gere CO2-Emis­sio­nen pro BIP-Ein­heit jährlich. Nichts­destotrotz sind die Pro-Kopf-Emis­sio­nen kon­stant geblieben, weil das Bevölkerungswach­s­tum die Gewinne über­wog. Als Folge des Wirtschaftswach­s­tums stiegen die Gesamte­mis­sio­nen sog­ar weit­er an. In eini­gen einkom­mensstarken Natio­nen gelang es im 21. Jahrhun­dert, trotz anhal­tenden Wirtschaftswach­s­tums die Emis­sio­nen zu senken. Aber: diese ter­ri­to­ri­ale Entkop­pelung beruhte zum Teil auf Out­sourc­ing, worauf ich später noch einge­hen werde.

Seit dem Jahr 2000 sind allein die Emis­sio­nen im Strom- und Energiesek­tor weltweit um mehr als 45% gestiegen. Die Nutzung von erneuer­baren Energiequellen nimmt zwar zu, allerd­ings wer­den in ein­er wach­senden Wirtschaft neue Energiequellen eher zusät­zlich hinzuge­fügt und erset­zen nicht entsprechend die Nutzung fos­siler Brennstoffe.

Die Erzeu­gung und Nutzung von Energie wach­sen zusam­men, weil die Nach­frage jedes Jahr um etwa 2% steigt. Die glob­ale Energien­ach­frage wird bis 2040 voraus­sichtlich um 30% steigen, und das erschw­ert den Über­gang zur Ver­sorgung mit erneuer­baren Energien noch stärk­er. Erneuer­bare Energien machen nach wie vor nur einen gerin­gen Anteil an der glob­alen Energieerzeu­gung aus, und alle derzeit­i­gen Entwick­lun­gen zur Energiewende sind viel zu langsam, um die erforder­lichen Emis­sion­sre­duk­tion­sziele zu erre­ichen. Weltweit sind wir derzeit auf dem Weg, bis 2030 mehr als dop­pelt so viele fos­sile Brennstoffe zu pro­duzieren, als ver­bran­nt wer­den dür­fen, um die glob­ale Erhitzung auf 1,5°C zu begren­zen. 

Ein weit­er­er wichtiger Punkt, der in grü­nen Wach­s­tumsmod­ellen oft unter­schätzt wird, ist das notwendi­ge Tem­po, in dem die Emis­sio­nen gesenkt wer­den müssen. Das Ziel beste­ht nicht nur darin, die THG-Emis­sio­nen ins­ge­samt zu reduzieren, son­dern vor allem darin, zu ver­hin­dern, dass die gesamte Menge von Treib­haus­gasen in der Atmo­sphäre die vom IPCC fest­gelegten Bud­gets über­steigt. Trotz einiger pos­i­tiv­er Trends steigen Emis­sio­nen in den meis­ten Län­dern des Glob­alen Nor­dens weit­er an, sta­bil­isieren sich auf einem hohen Niveau oder nehmen höch­stens leicht ab. All diese Entwick­lun­gen reichen bei Weit­em nicht aus, um inner­halb unser­er Bud­gets zu bleiben.

Glob­ale Entwick­lung von CO2-Emis­sio­nen und BIP pro Kopf. Quelle: Our World in Data.

Die Möglichkeit­en zur Entkop­plung in den Indus­trielän­dern des Glob­alen Nor­dens lassen im Laufe der Zeit nach, da die leicht umzuset­zen­den Maß­nah­men sozusagen aufge­braucht wer­den. Poli­tis­che Entschei­dun­gen zugun­sten der fos­silen Indus­trien haben zu Abhängigkeit­sp­faden geführt, sodass es jet­zt schwierig ist, sich aus diesen Lock-in-Sit­u­a­tio­nen zu befreien.

Die aktuelle markt- und inve­storenori­en­tierten Poli­tik war bish­er nicht in der Lage, eine Energiewende in dem erforder­lichen Tem­po und Niveau voranzubrin­gen. Die glob­al immer weit­er ansteigen­den CO2-Emis­sio­nen sind über­haupt nicht vere­in­bar mit den Paris­er Kli­mazie­len. Let­z­tendlich ist auch noch zu bedenken, dass THG-Emis­sio­nen nicht nur im Energiesek­tor entste­hen, son­dern auch durch Land­nutzung und indus­trielle Prozesse. Diese Sek­toren wach­sen mit wach­sen­dem BIP, wenn sie nicht erfol­gre­ich entkop­pelt wer­den. Alle nöti­gen Entkop­plungsrat­en der Emis­sio­nen vom BIP liegen jen­seits dessen, was beste­hende empirische Mod­elle als mach­bar erscheinen lassen.

Auch wenn tech­nis­che Lösungsan­sätze und Ressourcenef­fizienz sich immer weit­er verbessern, wer­den diese Fortschritte wahrschein­lich von ein­er höheren Rohstoff­nach­frage durch anhal­tendes Wirtschaftswach­s­tum über­wogen. Ein Grund dafür sind soge­nan­nte Rebound-Effek­te. Durch Rebound-Effek­te wer­den die durch erhöhte Effizienz erre­icht­en Gewinne durch zusät­zlichen oder umverteil­ten Ver­brauch „aufge­fressen“ bzw. über­wogen. Der Grund: Effizien­tere Rohstoffnutzung führt logis­cher­weise zu gerin­geren Mate­r­i­al- und Energiekosten, was wiederum die Pro­duk­tion­skosten senkt und dann im Umkehrschluss ten­den­ziell eine höhere Nach­frage nach sich zieht. Empirische Beispiele für dieses Phänomen sind beispiel­sweise Autos oder Kühlschränke. Bei­des wurde durch tech­nol­o­gis­che Fortschritte effizien­ter, was anhand gewiss­er Effizien­zindika­toren gemessen wurde (bei Kühlschränken wird die Effizienz in die Klassen A, A+, A++ und A+++ eingeteilt). Durch die höhere Effizienz benöti­gen Autos sowie Kühlschränke weniger Energie pro Größen- oder Gewicht­sein­heit, sodass bei gle­ich­er Größe des Autos oder Kühlschranks der Energie­ver­brauch sinken würde. Tat­säch­lich ist es aber so, dass die Men­schen immer größere und mehr Autos und Kühlschränke kaufen — was zu ein­er Überkom­pen­sa­tion des Effizien­zgewinns führt. In Deutsch­land über­stieg die Zahl der neu zuge­lasse­nen SUVs (viel zu große Autos ohne entsprechen­den Nutzen) im Jahr 2019 zum ersten Mal eine Mil­lion. Zwar ist die ver­baute Tech­nolo­gie recht effizient, aber da die Fahrzeuge sehr groß und schw­er sind, benöti­gen sie unnötige Men­gen an Sprit, nur um oft eine einzige Per­son herumzukutsch­ieren. Im End­ef­fekt sind die Emis­sio­nen also oft gle­ich­bleibend oder sog­ar noch höher als vor der tech­nis­chen Verbesserung. Daher ver­ringert der Rebound-Effekt die Glaub­würdigkeit des Entkop­plungsar­gu­ments.

Die meis­ten der IPCC-Szenar­ien, die immer noch an grü­nen Wach­s­tumsmod­ellen fes­thal­ten, set­zen auf Tech­nolo­gien mit neg­a­tiv­en Emis­sio­nen. Solche Geo­engi­neer­ing-Tech­nolo­gien sollen THG-Emis­sio­nen, die bere­its emit­tiert wur­den, wieder aus der Atmo­sphäre ent­fer­nen und dadurch die begren­zten CO2-Bud­gets erweit­ern. Tech­nolo­gien mit neg­a­tiv­en Emis­sio­nen kön­nten die CO2-Bud­gets tat­säch­lich um fast 100% erhöhen – unter der Annahme, dass wir tat­säch­lich in der zweit­en Hälfte dieses Jahrhun­derts das CO2 in der Atmo­sphäre mit diesen Tech­nolo­gien weltweit ver­ringern kön­nen. ABER: Sich auf solche Tech­nolo­gien zu ver­lassen ist ein hochspeku­la­tives Glücksspiel, da die Tech­nolo­gien noch nicht in der erforder­lichen Größenord­nung oder über­haupt nicht existieren. Wenn Geo­engi­neer­ing einge­set­zt wird, kön­nten immense Neben­wirkun­gen auftreten, und wenn die Tech­nolo­gien nicht erfol­gre­ich sind, wären wir gefan­gen im Trend eines hohen und gefährlichen Tem­per­at­u­ranstiegs. Es gibt schon auch Szenar­ien für Grünes Wach­s­tum ohne riskante Tech­nolo­gien mit neg­a­tiv­en Emis­sio­nen, allerd­ings basieren diese auf äußerst opti­mistis­chen Annah­men über zukün­ftige Entkop­plun­gen. Sie hät­ten zudem eine kurzfristige Über­schre­itung der Emis­sions­bud­gets auf­grund des anhal­tenden Wach­s­tums zur Folge. Dies würde zu einem vorüberge­hen­den “Hitze-Over­shoot” führen, bei dem die glob­alen Tem­per­a­turen über die höchst riskan­ten Gren­zen von 1,5°C bis 2°C ansteigen wür­den, was unab­se­hbare Fol­gen hätte. Mit einem Blick auf his­torische Entwick­lun­gen und Mod­el­lierun­gen wird eigentlich klar, dass es keine real­is­tis­chen und tragfähi­gen Kli­maschutzszenar­ien gibt, die ein end­los anhal­tendes Wirtschaftswach­s­tum ohne neg­a­tive Emis­sion­stech­nolo­gien für 1,5°C max­i­male Erwär­mung zulassen.

Wie bere­its erwäh­nt, soll Umweltscho­nung bei weit­er­hin steigen­dem BIP zum Teil durch eine über­wiegend dien­stleis­tung­sori­en­tierten Wirtschaft erre­icht wer­den. In Bezug auf die direk­ten Auswirkun­gen verur­sacht der Dien­stleis­tungssek­tor weniger Umwelt­be­las­tun­gen als die Pro­duk­tion­sin­dus­trie und die Land­wirtschaft. Also kön­nte diese Ver­lagerung den Rohstoff- und Energie­ver­brauch reduzieren, wenn der Pro­duk­tion­ssek­tor auch entsprechend schrumpft. Jedoch sieht die Prax­is anders aus: Während der Dien­stleis­tungsan­teil am BIP in der Tat weltweit zunimmt, steigert sich auch der glob­ale Mate­ri­alver­brauch weit­er­hin und über­trifft sog­ar noch die Wach­s­tum­srate des BIP. Die Anreize für den Dien­stleis­tungssek­tor ermöglichen aus mehreren Grün­den nur eine teil­weise Entkop­plung: Alle Dien­stleis­tun­gen erfordern den Ein­satz von Ressourcen, da sie auf Rohstof­fgewin­nung sowie auf Energiev­er­sorgung und Infra­struk­tur angewiesen sind. Mehr und neue Arten von Dien­stleis­tun­gen erset­zen keine umweltschädi­gen­den Aktiv­itäten, son­dern tra­gen vielmehr zum Ver­brauch der Ressourcen bei, auf die sie angewiesen sind. Während das Ange­bot an Dien­sten für tech­nis­che Geräte wie Apps oder Stream­ing-Dien­ste zunehmen, nimmt die Pro­duk­tion der dafür benötigten Geräte wie Lap­tops oder Smart­phones nicht ab, son­dern steigt entsprechend an. Es gibt keine Anze­ichen dafür, dass die Umstel­lung auf eine Dien­stleis­tungswirtschaft den Mate­ri­alver­brauch extrem ver­ringern und zu ein­er absoluten THG-Entkop­plung auf glob­alem Niveau führen wird. Wäre das Inter­net ein Land, wäre es nach Rus­s­land, Japan, Chi­na, Indi­en und den USA der sech­st­größte Stromver­brauch­er auf dem Plan­eten.

Tech­nol­o­gis­che Bemühun­gen zur Lösung von Umwelt­prob­le­men verur­sachen oft weit­ere, neue neg­a­tive Auswirkun­gen oder ver­schlim­mern andere, sodass die Entkop­plung nur für einen bes­timmten Umwelt­fak­tor auf Kosten eines anderen funk­tion­iert. Es gibt viele bekan­nte Beispiele für dieses Phänomen: In Großbri­tan­nien wurde die Entkop­plung der Emis­sio­nen beispiel­sweise durch die Ver­lagerung von Kohle und Öl auf Erdgas erre­icht. Jedoch wird bei der Gewin­nung von Erdgas ausströ­mendes Methan freige­set­zt, das ein viel stärk­eres Treib­haus­gas ist als CO2 und über ein Jahrhun­dert hin­weg etwa 28-mal mehr Hitze in der Atmo­sphäre hält. Zudem wird die Wirtschaft dadurch langfristig an die Gasin­dus­trie gebun­den. Auch Atom­kraft wird in vie­len Län­dern als CO2-arme Energiequelle ange­se­hen, ohne die Emis­sion­sauswirkun­gen ent­lang der gesamten Pro­duk­tions­kette, die lokalen Umweltauswirkun­gen des Berg­baus, die Prob­leme mit radioak­tiv­en Abfällen sowie das Unfall­risiko gän­zlich zu berück­sichti­gen. Ganz zu schweigen von der End­lagerung, die über Jahrtausende gepflegt wer­den muss – was sicher­lich nicht energiefrei geschehen kann.

Zwar kann das Wirtschaftswach­s­tum in der Tat “grün­er” wer­den, indem fos­sile Brennstoffe durch erneuer­bare Energien erset­zt wer­den, da erneuer­bare Energien und effizien­zsteigernde Tech­nolo­gien in der Tat direk­te CO2-Emis­sio­nen reduzieren, doch auch diese Tech­nolo­gien benöti­gen gewisse Rohstoffe und haben andere Auswirkun­gen. Je höher der Bedarf an erneuer­baren Energien, desto höher  die Nach­frage nach Met­allen und sel­te­nen Erden, sowie desto höher das Risiko für lokale Kon­flik­te und Umweltschä­den in den Abbau­re­gio­nen. Die Nutzung von Biokraft­stof­fen führt vielerorts, wie z.B. in Indone­sien, zu Wal­dro­dun­gen und zunehmend zu Monokul­turen, was zum einen stark die Arten­vielfalt gefährdet und zum anderen wertvolle Kohlen­stoff­senken ver­ringert. Der Ein­satz neg­a­tiv­er Emis­sion­stech­nolo­gien in großem Maßstab erfordert riesige Men­gen an Ack­er­land in der Größenord­nung von zwei- bis dreimal der Fläche Indi­ens. Riskantes Geo-Engi­neer­ing kön­nte daher andere plan­etare Gren­zen über­schre­it­en, wie z.B. Süßwasser­nutzung, Wald­ver­lust, Arten­vielfalt und bio­geo­chemis­che Kreis­läufe.

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Die meis­ten Fälle von rel­a­tiv­er oder absoluter Entkop­plung waren zudem nur dann erfol­gre­ich, wenn man auss­chließlich Dat­en aus einem aus­gewählten geo­graphis­chen Kon­text berück­sichtigt. Dabei blieb oft eine Rück­kop­plung an ander­er Stelle durch Pro­duk­tion­saus­lagerung und Export von Abfällen ver­bor­gen. Damit wer­den THG-Emis­sio­nen durch den inter­na­tionalen Han­del von einkom­mensstarken Län­dern in Län­der mit niedrigeren Einkom­men­sniveaus ver­lagert. Dies taucht in den Emis­sions­berech­nun­gen der reichen Län­der nicht auf, da die Emis­sio­nen nor­maler­weise den Pro­duk­tion­slän­dern und nicht den Kon­sum­län­dern zuge­ord­net wer­den. Daher wird selb­st eine dekar­bon­isierte “Grüne” Wirtschaft, die weit­er­hin nach unendlichem Wirtschaftswach­s­tum strebt, viele Umwelt­prob­leme nicht lösen, son­dern rund um den Globus ver­schieben.

Das Entkop­plung­sprinzip mag the­o­retisch möglich sein, ist aber physikalisch sehr unwahrschein­lich. Es gibt keine empirischen Beweise für eine absolute, langfristige, glob­ale Entkop­plung des Wirtschaftswach­s­tums vom Ressourcenver­brauch und Umwelt­be­las­tun­gen, die es ermöglicht, inner­halb der plan­etaren Gren­zen und ins­beson­dere unter 1,5°C zu bleiben.

Inwiefern wird der Aspekt von globaler Klimagerechtigkeit im Grünen Wachstumsansatz berücksichtigt?

Die Tem­per­aturbe­gren­zung auf 1,5°C ist beson­ders wichtig für diejeni­gen, die in Teilen des Glob­alen Südens leben, da diese Regio­nen bei einem höheren glob­alen Tem­per­at­u­ranstieg unbe­wohn­bar wer­den kön­nten. Einkom­menss­chwache Län­der des Glob­alen Südens tru­gen nur etwa 25% der kumu­la­tiv­en CO2-Emis­sio­nen bei, wer­den aber laut Cli­mate Vul­ner­a­bil­i­ty Mon­i­tor bis 2030 90% der kli­ma­tis­chen Fol­gen tra­gen. Im Gegen­satz dazu verur­sachte die Bevölkerung des Glob­alen Nor­dens seit Beginn der Indus­tri­al­isierung 75% der THG-Emis­sio­nen, während sie nur 20% der his­torischen Welt­bevölkerung aus­macht.

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Der Welthandel wird von ein­er gerin­gen Anzahl an einkom­mensstarken Län­dern dominiert. Das ver­stärkt die Ungle­ich­heit der Pro-Kopf-Ressourcennutzung und ermöglicht es ins­beson­dere den Län­dern des Glob­alen Nor­dens mehr und mehr, natür­liche Rohstoffe und energiein­ten­sive Pro­duk­te zu importieren. Mate­ri­alien ver­lagern sich von Län­dern mit niedrigem Einkom­men in Län­der mit hohem Einkom­men und die Auswirkun­gen in umgekehrter Rich­tung. Der Ver­brauch der Län­der des Glob­alen Nor­dens ist daher weit höher als es ihr gerechter und nach­haltiger Anteil an Ressourcen sowie ihre ter­ri­to­ri­alen Kapaz­itäten zulassen wür­den. Schädliche Auswirkun­gen und Umwelt­be­las­tun­gen wer­den auf geo­graphisch “ent­fer­nte” Men­schen, vor allem im Glob­alen Süden, sowie auf zukün­ftige Gen­er­a­tio­nen ver­lagert, um das unmit­tel­bare Wirtschaftswach­s­tum aufrecht zu erhal­ten. Ähn­lich wird der Ein­satz von neg­a­tive Emis­sion­stech­nolo­gien wahrschein­lich glob­ale Ungle­ich­heit­en ver­stärken, da die dafür benötigte Flächen­nutzung exter­nal­isiert wird, die dann mit Nahrungsmit­te­lan­bau und Naturschutz in den entsprechen­den Regio­nen im Glob­alen Süden konkur­ri­ert.

Wir näh­ern uns den physikalis­chen Gren­zen der Erde immer näher an bzw. haben sie bere­its über­schrit­ten, ins­beson­dere im Hin­blick auf das Kli­masys­tem. Das “Prinzip der Gerechtigkeit und der gemein­samen, aber dif­feren­zierten Ver­ant­wor­tung” (Paris­er Kli­maabkom­men) ver­langt ins­beson­dere von den Län­dern des Glob­alen Nor­dens, dass sie viel früher Net­to-Null-Emis­sio­nen erre­ichen. Dies würde es einkom­menss­chwachen Län­dern ermöglichen, ein ähn­lich­es Niveau zu erre­ichen, sodass glob­ale Ungerechtigkeit­en ver­ringert wer­den kön­nen.

Das ressourcenin­ten­sive Wirtschaftsmod­ell des Glob­alen Nor­dens wurde ver­all­ge­mein­ert und als Teil der Kolo­nial­isierung der gesamten Welt­bevölkerung aufgezwun­gen. Das hat unter anderem zu der heuti­gen Def­i­n­i­tion der soge­nan­nten „unter­en­twick­el­ten“ Län­der im Rah­men des Wach­s­tumspar­a­dig­mas geführt. Dieses Nar­ra­tiv bleibt mit dem Ansatz des Grü­nen Wach­s­tums nahezu unverän­dert. Das Tech­nolo­giev­er­ständ­nis beschränkt sich haupt­säch­lich auf das, was im Glob­alen Nor­den als „mod­erne“ Wis­senschaft und Tech­nik beze­ich­net wird, wobei indi­genes Wis­sen und Com­mu­ni­ty-basierte Forschungsan­sätze ver­nach­läs­sigt wer­den. Ziel ist es, das Mod­ell des “Grü­nen Wach­s­tums” weltweit umzuset­zen, was bedeutet, dass die Län­der des Glob­alen Südens let­z­tendlich das Einkom­men­sniveau der Län­der des Glob­alen Nor­dens erre­ichen sollen. Die Fol­gen dessen kann man sich denken: ein enormer Anstieg des glob­alen Über­fluss-Wohl­stands und dessen Auswirkun­gen. Das  würde eine unre­al­is­tisch drastis­che Steigerung der Effizienz erfordern: Unter diesen Annah­men zur Def­i­n­i­tion von “Gerechtigkeit” müsste die Weltwirtschaft im Jahr 2050 130-mal CO2-effizien­ter sein als 2011, was bei weit­em nicht real­is­tisch ist. Fol­glich ist ein gle­ich­er Lebens­stan­dard unter Grü­nen Wach­s­tum­san­nah­men wed­er ökol­o­gisch möglich, noch wirtschaftlich und sozial langfristig trag­bar. Grüne Wach­s­tum­san­sätze sind nicht in der Lage, solide Konzepte zu liefern, um eine inner­halb der plan­etaren Gren­zen lebende Gesellschaft zu vere­inen und gle­ichzeit­ig langfristig glob­ale Gerechtigkeit und soziale Nach­haltigkeit zu schaf­fen.

Welche anderen Fehler können wir beim Ansatz des grünen Wachstums finden?

Aktuell kön­nen wir sig­nifikante Ver­ringerun­gen der THG-Emis­sio­nen auf glob­aler Ebene nur in Zeit­en ein­er wirtschaftlichen Rezes­sion beobacht­en, was das BIP als ein­er der größten Verur­sach­er von THG-Emis­sio­nen enthüllt. Dies war während der glob­alen Finanz- und Wirtschaft­skrise im Jahr 2008 der Fall, als die Emis­sio­nen rapi­de zurück­gin­gen und wir kön­nen zurzeit einen ähn­lichen Trend durch die Ver­langsamung der Wirtschaft als Reak­tion auf die glob­ale Coro­na-Pan­demie sehen. In Chi­na führten die Maß­nah­men zur Eindäm­mung von CoVid-19 zu ein­er Ver­ringerung der Wirtschaft­sleis­tung in allen wichti­gen Indus­triesek­toren, was bere­its im Feb­ru­ar 2020 zu ein­er Ver­ringerung der ter­ri­to­ri­alen Emis­sio­nen um etwa 25% führte. Wenn dieser Trend anhält und weltweit auftritt, kön­nte er zum ersten glob­alen Rück­gang der THG-Emis­sio­nen seit der Finanzkrise 2008/2009 führen. Eine Rezes­sion kann zwar kurzfristig die Emis­sio­nen reduzieren, aber dieser Effekt ist langfristig nicht nach­haltig und hat daher keine nen­nenswerten kli­ma­tis­chen Auswirkun­gen. Und was noch wichtiger ist: Zeit­en ohne Wirtschaftswach­s­tum haben derzeit sehr schädliche soziale Auswirkun­gen. Unter den gegen­wär­ti­gen Bedin­gun­gen und Annah­men ist Wach­s­tum eine Voraus­set­zung für Sta­bil­ität, und Schrump­fung würde Krise bedeuten. Das ist ein wahres Dilem­ma: Ein­er­seits beruhen unsere derzeit­i­gen Sys­teme auf Wirtschaftswach­s­tum und ein Verzicht auf Wach­s­tum würde zu einem wirtschaftlichen Zusam­men­bruch führen. Ander­er­seits bringt uns dieses Wach­s­tum an die Gren­zen des Plan­eten, den wir bewohnen, und führt zu kli­ma­tis­chen und ökol­o­gis­chen Katas­tro­phen, die im Gegen­zug wahrschein­lich das zukün­ftige Wirtschaftswach­s­tum sowie unser men­schlich­es Zusam­men­leben stark ein­schränken wer­den.

Mark­t­basierte tech­nol­o­gis­che Ansätze berück­sichti­gen nicht die Irre­versibil­ität von Umweltschä­den und die absoluten physikalis­chen Gren­zen der Wirtschaft, sowie poten­zielle Kipp­punk­te und Kaskaden­ef­fek­te im Kli­masys­tem. Das Behar­ren auf Grünem Wach­s­tum und Wach­s­tum all­ge­mein bleibt nach wie vor das vor­rangige wirtschaft­spoli­tis­che Ziel der meis­ten Regierun­gen. Eine Abkehr vom Wach­s­tumspar­a­dig­ma wird dage­gen als poli­tisch unmöglich und inakzept­abel ange­se­hen. Deshalb wer­den Umwelt- und Klimapoli­tik immer nach ihren Auswirkun­gen auf das Wirtschaftswach­s­tum beurteilt, anstatt darüber nachzu­denken, wie das Wach­s­tum der Umwelt und damit auch der Men­schheit schadet — ein Para­dox­on. Es wird weit­er­hin sug­geriert, dass das Wach­s­tum nach­haltig gestal­tet wer­den muss, anstatt über alter­na­tive Konzepte ohne Wach­s­tum nachzu­denken.

Effizien­zsteigerun­gen und tech­nol­o­gis­che Inno­va­tio­nen inner­halb der vorherrschen­den sozio-tech­nis­chen Ord­nung sind möglich und notwendig — aber tief­greifende sys­temis­che Prob­leme, poten­zielle Rebound- und Lock-in-Effek­te, das kom­plexe Zusam­men­spiel von Ver­hal­tens­mustern, sowie kul­turelle und sozio-ökonomis­che Struk­turen wer­den nicht berück­sichtigt.

Was für alternative Ansätzen können wir uns also vorstellen?

Wenn also die vorhan­de­nen kap­i­tal­is­tis­chen Mod­elle nicht mit Schrump­fung vere­in­bar sind, dann müssen der Kap­i­tal­is­mus als poli­tisch-ökonomis­ches Sys­tem sowie die Vorherrschaft des Wach­s­tum­snar­ra­tivs, das auf Kap­i­ta­lakku­mu­la­tion beruht, in Frage gestellt wer­den. Das Konzept des Degrowth, oder auch Post­wach­s­tum, fol­gt einem anderen Ansatz. Statt auf opti­mistis­chen Tech­nolo­gieglauben zu set­zen, zielt es darauf ab, die glob­ale Wirtschaft so weit zu verklein­ern, dass sie die Regen­er­a­tions­fähigkeit der Erde nicht über­steigen.

Post­wach­s­tumsmod­elle sind ganz klar nicht auf wirtschaftliche Depres­sion oder Spar­poli­tik aus aus­gerichtet, son­dern auf eine frei­willige und san­fte Trans­for­ma­tion hin zu einem gesellschaftlichen Sys­tem mit einem reduzierten Rohstof­fver­brauch. Die Logik ist klar: weniger Pro­duk­tion und Kon­sum führen direkt zu Emis­sion­s­min­derun­gen und erhöhen damit die Wahrschein­lichkeit, die glob­ale Erhitzung auf 1,5°C zu begren­zen. Dieser Verkleinerungs- oder Degrowth-Prozess würde ins­beson­dere Volk­swirtschaften mit hohem BIP betr­e­f­fen, die bere­its einen hohen Lebens­stan­dard auf Kosten der zuvor kolo­nial­isierten Län­der erre­icht haben und die zudem den Großteil his­torisch­er Emis­sio­nen verur­sacht haben. Tat­säch­lich kön­nte ein reduziert­er glob­aler Ressourcenver­brauch und ins­beson­dere desjeni­gen der einkom­mensstarken Län­der des Glob­alen Nor­dens die einzige Möglichkeit sein, die THG-Emis­sio­nen schnell und rapi­de sowie nach­haltig ohne zeitweilige Über­schre­itung der Tem­per­aturlim­its zu reduzieren. Für den Glob­alen Süden sieht das Post­wach­s­tum­skonzept alter­na­tive Wege vor, weg vom engen west­lichen Konzept der wach­s­tums­basierten Wirtschaft­sen­twick­lung.

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Degrowth und die Ver­langsamung der Wirtschaft sollen nicht ewig anhal­ten, son­dern wer­den vielmehr als ein trans­for­ma­tiv­er Weg zu einem dynamis­chen Dauerzu­s­tand gese­hen. Das Ziel ist es, THG-Emis­sio­nen auf Null zu brin­gen und den Rohstof­fver­brauch so ger­ing zu hal­ten, dass er sich inner­halb des glob­alen Bud­gets und der ökol­o­gis­chen Gren­zen einem gemein­samen, gle­ichen Niveau annähert. Um einen drastisch reduzierten Ressourcen- und Energie­ver­brauch zu ermöglichen, wäre eine radikale poli­tis­che und wirtschaftliche Neuor­gan­i­sa­tion notwendig. Die Idee vom Post­wach­s­tum fordert eine demokratis­che Umverteilung von Wohl­stand, Kap­i­tal und Ressourcen inner­halb sowie zwis­chen Glob­alem Nor­den und Süden, als auch zwis­chen heuti­gen und zukün­fti­gen Gen­er­a­tio­nen. Dadurch sollen das Wohlbefind­en und die soziale Gerechtigkeit und gle­ichzeit­ig die ökol­o­gis­che Nach­haltigkeit auf lokaler und glob­aler Ebene kurz- und langfristig garantiert wer­den. In einem Sys­tem des Post­wach­s­tums muss Wohl­stand neu definiert und anhand divers­er Indika­toren gemessen wer­den anstelle des BIP als einzigem Maßstab. Wie Post­wach­s­tum in den diversen wirtschaftlichen Umstän­den umge­set­zt wird, sollte je nach lokalen Gegeben­heit­en und glob­aler Zusam­me­nar­beit gestal­tet wer­den.

Während das Konzept des Post­wach­s­tums haupt­säch­lich von europäis­chen Ökonom*innen stammt, gibt es auch andere Ideen für nach­haltige Wirtschaftssys­teme. Die meis­ten Ansätze haben gemein­sam, dass die Natur und ihre Ressourcen als ein gemein­sames Erbe der Men­schheit wahrgenom­men wer­den. Sie fordern eine glob­ale Gerechtigkeit und faire Aufteilung, wobei Aspek­te der Gerechtigkeit zwis­chen den Gen­er­a­tio­nen und die Rechte indi­gen­er Bevölkerungs­grup­pen zu berück­sichti­gen sind.

Das Konzept des „Buen Vivir“ ist eine ganzheitliche Leben­sphiloso­phie und ein wirtschaftlich­es Konzept, das aus den indi­ge­nen Gesellschaften Lateinamerikas als Alter­na­tive zum neok­las­sis­chen Entwick­lungsmod­ell her­vorge­gan­gen ist. Das Konzept basiert auf kul­turellen Tra­di­tio­nen und stellt das ökol­o­gis­che Gle­ichgewicht und das Woh­lerge­hen der Gemein­schaft in den Vorder­grund. Buen Vivir sieht den andauern­den Auf­bau sozioökonomis­ch­er Sys­teme in enger Verbindung mit dem nicht-men­schlichen Teil der Natur.

Ein ander­er Ansatz ist der „Eco­log­i­cal Swaraj“, auch Rad­i­cal Eco­log­i­cal Democ­ra­cy (Radikal Ökol­o­gis­che Demokratie) genan­nt aus Indi­en, der die Gren­zen des Plan­eten und die Rechte nicht-men­schlich­er Lebe­we­sen respek­tiert und gle­ichzeit­ig soziales Woh­lerge­hen und Gerechtigkeit anstrebt. Diese Grundw­erte sollen durch demokratis­che poli­tis­che und wirtschaftliche Struk­turen und Prozesse sowie durch eine kul­turelle und wis­senschaftliche Plu­ral­ität erre­icht wer­den.

Es gibt noch viele weit­ere span­nende und vielver­sprechende Ansätze, wie beispiel­sweise die Gemein­wohlökonomie oder andere, aber alle auszuführen würde den Rah­men hier spren­gen.

Was solltet ihr also aus diesem Artikel mitnehmen?

Die Sys­teme und Pro­duk­tion­sweisen, die aktuell glob­al vorherrschend sind, pri­or­isieren ewig andauern­des Wirtschaftswach­s­tum über soziale und ökol­o­gis­che Gerechtigkeit – beson­ders in Bezug auf eine langfristige Per­spek­tive. Sie haben uns an oder sog­ar über die Gren­zen des Plan­eten, auf dem wir leben und von dem wir abhängig sind, gebracht und zu der aktuellen Kli­makrise geführt, die die glob­alen Ungerechtigkeit­en ver­schärft. Opti­mistis­che grüne Wach­s­tumsszenar­ien zur Reduk­tion glob­aler Emis­sio­nen stützen sich auf einen starken Tech­nolo­gieglauben, ohne struk­turelle Verän­derun­gen in Erwä­gung zu ziehen. Gegen­wär­tig befind­en sich die Weltwirtschaften nicht auf einem Weg zu Grünem Wach­s­tum und absoluter Entkop­plung, und für kün­ftige Entwick­lun­gen fehlt es diesen The­o­rien ins­ge­samt an empirisch­er Fundierung.

Das Grüne Wach­s­tum­skonzept ist mehr oder weniger ein Ver­such neolib­eraler Befürworter*innen, in der Debat­te zu ökol­o­gis­chen und sozialen Krisen zumin­d­est kurzfristig Legit­im­ität zu erhal­ten. Angesichts gegen­wär­tig etabliert­er Inter­essen und Machthier­ar­chien ist Post­wach­s­tum und jegliche Abkehr von den vorherrschen­den Sys­te­men poli­tisch unwahrschein­lich. Das Fes­thal­ten an alten Konzepten wird jedoch nichts an der Tat­sache ändern, dass der Kap­i­tal­is­mus mit ständi­gem Wach­s­tum nicht mit wis­senschaftlich fundierten Ansätzen zur Eindäm­mung des Kli­mawan­dels auf 1,5 ° C vere­in­bar ist. Post­wach­s­tum und ähn­liche Ansätze kön­nten eine Wirtschaft ermöglichen, die ökol­o­gis­che und soziale Gerechtigkeit inner­halb der plan­etaren Gren­zen schafft. Wir brauchen diverse Ansätze, um der Kom­plex­ität der Her­aus­forderun­gen, denen wir weltweit gegenüber­ste­hen, gerecht zu wer­den. Es gibt keine einzige, sim­ple Lösung, die für alle Volk­swirtschaften geeignet ist, da die Umstände in den einzel­nen Län­dern so unter­schiedlich sind.

Wir soll­ten Wach­s­tum nicht als Selb­stzweck betra­cht­en, son­dern vielmehr einen Über­gang zu sozioökonomis­chen Sys­te­men anstreben, die Klim­agerechtigkeit ermöglichen – und zwar nicht nur auf der Grund­lage winziger Anpas­sun­gen der derzeit­i­gen, in sich schädlichen Sys­teme, son­dern auf der Grund­lage ein­er radikalen Verän­derung in den zugrunde liegen­den sozioökonomis­chen und kul­turellen Struk­turen. Wir brauchen einen Sys­temwan­del!


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