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Teas­er:

Im let­zten Teil unser­er Coro­na-Inter­view-Serie sprechen wir mit zwei Kli­maak­tivis­ten aus dem kleinen Insel­staat Fid­schi, der den Fol­gen des Kli­mawan­dels beson­ders aus­ge­set­zt ist. Lave­tanala­gi Seru und Komal Narayan sind bei­de aktive Mit­glieder der Allianz für kün­ftige Gen­er­a­tio­nen und set­zen sich für eine lebenswerte Zukun­ft in Fid­schi ein — jet­zt und in der Zukun­ft.

Komal Narayan, Kli­maak­tivistin aus Fid­schi arbeit­et für die Alliance For Future Gen­er­a­tions — Fid­schi.
Lave­tanala­gi Seru (28) set­zt sich aktiv für eine friedliche und nach­haltige Zukun­ft ein — als Koor­di­na­tor der Alliance for Future Gen­er­a­tions — Fid­schi und als Pro­gramm­beauf­tragter der Rain­bow Pride Foun­da­tion.

A.     Sit­u­a­tion vor Coro­na

Kli­madel­e­ga­tion e.V.Wie war die Sit­u­a­tion in deinem Land vor der Coro­na-Pan­demie?

Komal Narayan: Fid­schi ist ein Entwick­lungs­land, aber auch das Drehkreuz des Paz­i­fiks, da es im Ver­gle­ich zu anderen paz­i­fis­chen Insel­staat­en am weitesten entwick­elt ist (natür­lich ohne Aus­tralien und Neusee­land). Im All­ge­meinen ist unser Gesund­heitssys­tem häu­fig mit Tur­bu­len­zen kon­fron­tiert, da es uns an Ressourcen und Kapaz­itäten fehlt, um eine qual­i­ta­tiv hochw­er­tige Gesund­heitsver­sorgung zu gewährleis­ten. Die staatlichen Gesund­heits­di­en­ste sind begren­zt und oft zeitaufwendig, während die pri­vate Gesund­heitsver­sorgung kost­spielig ist. Unsere Infra­struk­tur ist bis zu einem gewis­sen Grad entwick­elt und für die Bevölkerung leicht zugänglich, vor allem für diejeni­gen, die in den städtis­chen Gebi­eten leben. Die Wirtschaft Fid­schis hat sich in den let­zten Jahren gut entwick­elt, wobei der Zyk­lon Win­ston einen großen Rückschlag verur­sachte, der unsere Wirtschaft stark in Mitlei­den­schaft zog und von dem sich viele seit 2016 nur langsam erholen. Was den Kli­mawan­del bet­rifft, so war Fid­schi auf dem Vor­marsch, und es wur­den poli­tis­che Maß­nah­men umge­set­zt, wie die Richtlin­ien für die geplante Umsied­lung von Fid­schi, der Dis­place­ment Trust Fund, Kon­sul­ta­tio­nen für die nationale Meere­spoli­tik und das bevorste­hende Kli­maschutzge­setz. Es wur­den Gemein­den umge­siedelt, um mit den Auswirkun­gen des Kli­mawan­dels fer­tig zu wer­den, und das Land investiert langsam in Optio­nen zur Anpas­sung an den Kli­mawan­del. Die Auswirkun­gen des Kli­mawan­dels sind ziem­lich offen­sichtlich, da Fid­schi und der Paz­i­fik von Wirbel­stür­men hoher Inten­sität heimge­sucht wer­den und der Meer­esspiegel ansteigt. So hat beispiel­sweise der jüng­ste tro­pis­che Wirbel­sturm Harold die fid­schi­an­is­che Land­wirtschaft erneut stark in Mitlei­den­schaft gezo­gen, was wiederum Auswirkun­gen auf die Wirtschaft hat.

Lave­tanala­gi Seru: Die Sit­u­a­tion hier auf den Fid­schi-Inseln vor Coro­na war fol­gen­der­maßen: Die Gemein­den hat­ten bere­its die Auswirkun­gen des Kli­mawan­dels und des Anstiegs des Meer­esspiegels zu spüren bekom­men. Viele der Gemein­den ver­sucht­en, einige dieser Auswirkun­gen irgend­wie abzuschwächen oder sich an die Verän­derun­gen anzu­passen. 

Kli­madel­e­ga­tion e.V.:  Wie war die poli­tis­che Sit­u­a­tion vor der Pan­demie?

Lave­tanala­gi Seru: Was die poli­tis­che Sit­u­a­tion bet­rifft, so haben wir eine Regierung, die von der derzeit­i­gen Mehrheit, der Fiji First Par­ty, geführt wird. Wenn es um den Kli­mawan­del geht, ist es sehr wichtig, die Geschichte Fid­schis zu ver­ste­hen. Fid­schi ist eines der von den Briten kolonisierten paz­i­fis­chen Län­der. Die Briten holten indis­che Zwangsar­beit­er aus Indi­en zur Arbeit auf den Zuck­er­rohrfeldern. Später, als die Inder befre­it wur­den, blieben einige von ihnen und einige von ihnen kehrten nach Indi­en zurück. Heute ist fast die Hälfte der Bevölkerung indis­ch­er Abstam­mung. Wir hat­ten bere­its vier Mal einen Putsch: 1987 gab es zwei Mil­itär­putsche, 2000 einen zivilen Putsch, der vom Volk ange­führt wurde, und 2006 gab es einen weit­eren Mil­itär­putsch. Und viele von denen, die den Putsch von 2006 anführten, sind jet­zt Teil der poli­tis­chen Führung des Lan­des. Alle diese Staatsstre­iche wur­den aus einem Haupt­grund durchge­führt: die wach­sende eth­nis­che Spal­tung. Die Inder wur­den von der indi­ge­nen Bevölkerung als Bedro­hung ange­se­hen. Es ist wirk­lich wichtig, darüber zu sprechen. Denn im Zusam­men­hang mit dem Kli­mawan­del wer­den wir im Paz­i­fik nicht nur die mas­sive Bin­nen­vertrei­bung erleben, son­dern auch Migranten, die aus ihren eige­nen Insel­staat­en im Paz­i­fik, z. B. den Mar­shall-Inseln, Tuvalu oder Kiri­bati, nach Fid­schi ziehen müssen, weil ihre Inseln unterge­hen. Das ist wichtig zu ver­ste­hen, denn in Fid­schi gibt es bere­its eine eth­nis­che Spal­tung zwis­chen den Men­schen. Wenn wir sehen, dass die Men­schen weit­er­hin nach Fid­schi ziehen müssen, was bedeutet das? Dann müssen wir über Frem­den­feindlichkeit und Diskri­m­inierung von Migranten usw. sprechen. Und wir haben bere­its vier Staatsstre­iche als Folge davon erlebt, wie sieht es also für uns hier in Fid­schi für die Zukun­ft aus? Wir kön­nten zum Beispiel mit größeren zivilen Unruhen kon­fron­tiert wer­den.

B.     Sit­u­a­tion während Coro­na

Kli­madel­e­ga­tion e.V.:  Wie hat sich Coro­na auf Euch und Eure Fam­i­lien aus­gewirkt?

Komal Narayan: In meinem Fall hat sich Coro­na nicht auf unsere Fam­i­lie aus­gewirkt, da wir alle Arbeit­splätze haben, an denen wir von zu Hause aus weit­er arbeit­en kön­nen. Die größte Auswirkung und Schwierigkeit bestand während der zwei­wöchi­gen Sper­rzeit, Fam­i­lie, per­sön­liche Zeit und Arbeit­szeit­en unter einen Hut zu brin­gen. Das machte mich bis zu einem gewis­sen Grad aber auch aktiv­er und half mir, meine Zeit gut zu pla­nen und mich auch auf Dinge wie Lesen und Med­i­ta­tion zu konzen­tri­eren. Viele der Fam­i­lien, die in der stark betrof­fe­nen Touris­mus­branche tätig waren, haben jedoch Mühe, über die Run­den zu kom­men. Viele entschei­den sich jet­zt für Garte­nar­beit im Hin­ter­hof, um ihren Leben­sun­ter­halt zu bestre­it­en und nutzen Inno­va­tion und Fer­tigkeit­en, um ein eigenes Klei­n­un­ternehmen zu grün­den, das ihnen hil­ft, ihren Leben­sun­ter­halt zu ver­di­enen.

Lave­tanala­gi Seru: Ich schätze, für viele junge Leute war es, als COVID-19 passierte und das Land in den frühen Tagen in den Lock­down-Modus ging, klar, dass sie ihre Arbeit­splätze in der Dien­stleis­tungs- und Touris­musin­dus­trie ver­lieren wer­den. Die Touris­musin­dus­trie ist der Haupt­träger des BIP in Fid­schi. Alle Hotels mussten schließen, es gab keine Flüge. Viele waren nicht in der Lage, ihre Miete zu bezahlen, so dass sie zurück zu ihren Fam­i­lien ziehen mussten. Viele hat­ten kein Unter­stützungssys­tem, das ihnen half. 

Aber es gab nicht nur wirtschaftliche, son­dern auch viele soziale Prob­leme. Es gab viele Diskri­m­inierun­gen, ins­beson­dere gegenüber der LGBTQI+-Gemeinschaft. Man machte sie dafür ver­ant­wortlich. Es gab viele religiöse Erzäh­lun­gen, und all diese Missver­ständ­nisse waren im Umlauf. 

Wir erlebten in dieser Zeit auch eine Krise der Ernährungssicher­heit. Die Preise für frische und nahrhafte Lebens­mit­tel und Gemüse auf dem Markt schossen in die Höhe. In den Gemein­den verur­sachte die Tat­sache, dass wir abgeriegelt waren und die Men­schen zu bes­timmten Zeit­en nicht hin­aus­ge­hen und fis­chen kon­nten, viele Her­aus­forderun­gen. Schon vor COVID-19 gab es Fälle von Koral­len­ster­ben und Ver­sauerung. Die Fis­che begin­nen, in andere Gewäss­er zu wan­dern, so dass die Men­schen länger hin­aus zum Fis­chen gehen müssen, weil sie nicht viel Fang bekom­men. Wenn sie während des COVID-19 den Fang nicht bekom­men und früh zurück­kehren, um der Aus­gangssperre nicht in die Quere zu kom­men, bleiben sie fast mit leeren Hän­den oder mit weniger Fang für den Tag zurück. 

Im Moment haben wir keine Fälle von COVID-19. Wir ver­suchen, uns zu erholen. Mehrere Hotels inner­halb der Touris­mus­branche sind jet­zt geöffnet; wir haben jet­zt einige Flüge. Aber ich denke, das ist die neue Nor­mal­ität. Wir haben immer noch die Aus­gangssperre von 23.00 Uhr bis 4.00 Uhr mor­gens. Viele Men­schen haben ihren Arbeit­splatz endgültig ver­loren. Einige kehren entwed­er mit reduziert­er Arbeit­szeit oder ver­min­dertem Lohn zur Arbeit zurück. 

Ein Fis­chschwarm in paz­i­fis­chen Gewässern. Auf­grund des Kli­mawan­dels und des Koral­len­ster­bens begin­nen die Fis­che um Fid­schi herum in andere Gewäss­er zu wan­dern.

C.     Lehren aus Coro­na — Botschaften für die Zukun­ft

Kli­madel­e­ga­tion e.V.:  Welche Lehren soll­ten wir aus der Coro­na-Krise für die Bekämp­fung der Kli­makrise ziehen (kollek­tiv und indi­vidu­ell)?

Komal Narayan: Die größte Lek­tion für uns alle ist, dass wir auf­grund ein­er Pan­demie die Kohlen­stof­fe­mis­sio­nen und die Umweltver­schmutzung durch die Min­imierung unser­er Bewe­gun­gen eindäm­men und ein nach­haltiges Leben führen kön­nen. Dann kön­nen wir dies sicher­lich zu ein­er gewohn­ten Prax­is für eine nach­haltige Zukun­ft unseres Plan­eten machen. Wir haben gel­ernt, dass wir auf einige unser­er täglichen Gewohn­heit­en verzicht­en kön­nen, um sicherzustellen, dass unser Kohlen­stoff-Fußab­druck min­imiert wird, und dass wir natür­lich Inno­va­tion und nach­haltige Tech­nolo­gie nutzen kön­nen, um Alter­na­tiv­en zu eini­gen unser­er täglichen Hand­lun­gen zu schaf­fen. Ich frage mich, wenn eine einzige Pan­demie uns alle zusam­men­brin­gen kann, was hält uns dann davon ab, zu ein­er gemein­samen Basis zu kom­men, wenn wir über die Kli­makrise oder zukün­ftige Prob­leme, die durch diese Krise verur­sacht wer­den, sprechen? Ich hoffe auf eine Zukun­ft, in der Führungsper­sön­lichkeit­en und Jugendliche gle­icher­maßen mit gemein­samen Zie­len für die Verbesserung unseres Plan­eten zusam­me­nar­beit­en und nicht nur für wirtschaftliche oder mon­etäre Vorteile arbeit­en. Wir haben es hier nur mit ein­er Pan­demie zu tun, die auf der ganzen Welt Ver­wüs­tun­gen angerichtet und uns gezwun­gen hat, unser Leben neu auszuricht­en, aber was ist mit der zukün­fti­gen Krise, die noch kom­men wird? Wie wird sie sich auf uns und unsere Lebens­grund­la­gen auswirken? Wenn wir nicht in der Lage sind, als Ein­heit zusam­men­zuar­beit­en, wer­den wir meines Eracht­ens niemals in der Lage sein, Lösun­gen für die größeren Prob­leme zu find­en, die vor uns liegen.

Während der Korona-Pan­demie began­nen die Men­schen, Nahrungsmit­tel in ihren Hin­ter­höfen anzubauen. Die Allianz für kün­ftige Gen­er­a­tio­nen — Fid­schi verteilte Set­zlinge und organ­isierte Webina­re über Garte­nar­beit.

Lave­tanala­gi Seru: Die Men­schen ler­nen und ver­suchen, resilient zu wer­den. Und ich ver­mute, die Men­schen im Paz­i­fik waren schon immer belast­bare Men­schen, aber das ist irgend­wie neu. Es ist eine beispiel­lose Her­aus­forderung in dieser Zeit des großen Fortschritts, die den Men­schen bewusst gemacht hat, dass es eine größere Abhängigkeit von der natür­lichen Umwelt gibt. Als es die Krise der Ernährungssicher­heit gab, gab es viele Pro­gramme zur Bere­it­stel­lung von Set­zlin­gen, und die Men­schen gin­gen zurück in die Land­wirtschaft und den Garten­bau im Hin­ter­hof. Mit der Alliance for Future Gen­er­a­tions — Fiji und der lokalen NGO FRIEND Fiji haben wir ein Online-Train­ing für Garte­nar­beit im Hin­ter­hof durchge­führt und Set­zlinge verteilt, damit junge Men­schen pflanzen kön­nen.  

Ich denke, die Men­schen begin­nen zu begreifen, dass unsere indi­gene Lebensweise seit vie­len Jahren nach­haltig ist. Die derzeit­ige Lebensweise, die nicht nach­halti­gen Konsum‑, Pro­duk­tions- und Verteilungsmuster der let­zten 50–100 Jahre sind nicht nach­haltig und nicht gesund für den Plan­eten. Der Plan­et wird krank — und dann müssen wir wirk­lich auf die harte Tour ler­nen. Die Men­schen greifen auf uralte Strate­gien zurück und ver­lassen sich auf tra­di­tionelle und ein­heimis­che Weisheit, um wider­stands­fähig zu sein. Dies fließt in das umfassendere Schema der Mit­i­ga­tion und Adap­tion ein. Wie Men­schen nicht nur gegenüber COVID-19, son­dern auch gegenüber der bevorste­hen­den Kli­makrise, die sozusagen der größere Krieg ist, wider­stands­fähig sein kön­nen. Der Kli­mawan­del ist der größere Krieg, den wir führen müssen, um in ein­er sicheren, nach­halti­gen und bewohn­baren Zukun­ft zu leben. Nicht nur für uns, son­dern auch für die kün­fti­gen Gen­er­a­tio­nen. 

COVID-19 hat es den Men­schen auch ermöglicht, ihren Lebensstil in Bezug auf den Miss­brauch der Natur und der Ressourcen zu über­denken und mit den begren­zten und endlichen Ressourcen, die wir haben, umzuge­hen. Wir kön­nen dies nicht immer als selb­stver­ständlich hin­nehmen. Dies war eine Art Erwachen für die Men­schen in Bezug auf ihren Lebensstil. 

Während des COVID-19 haben wir von der Alliance for Future Gen­er­a­tions — Fiji  auch anerkan­nt, dass die psy­chis­che Gesund­heit sehr wichtig ist. Wir haben in Part­ner­schaft mit der Samoa Vic­tims Sup­port Group Juniors aus Samoa Webina­re zur psy­chis­chen Gesund­heit ver­anstal­tet, in denen wir über Bewäl­ti­gungsstrate­gien sprachen und in denen junge Men­schen während der schwieri­gen Zeit­en an Peer-to-Peer-Grup­pen teil­nehmen kon­nten. Dies ist sehr wichtig für die Wider­stands­fähigkeit — nicht nur gegenüber Covid-19, son­dern auch gegenüber dem Kli­mawan­del.

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